Bespoked Bristol [Teil 5] Very Special “Rowan”

Diese “Entdeckung” braucht zwingend einen eigenen Beitrag:

Rowan. Newcomer, best in show und überhaupt: Der einzige Stand, den ich schon am Freitagabend knipsen musste.

Rowan at Bespoked Bristol UKHBS

Rowan at Bespoked Bristol UKHBS

Rowan at Bespoked Bristol UKHBS

Der “Porteur”, wenn man den Commuter mit genialer Frontrack-Lösung als solchen bezeichnen will.
Zweitlingswerk eines sehr bescheidenen, bärtigen Londoners, irgendwie zu Recht “best in show”, obwohl kein Show-Rad.
Geile Lackierung, perfekt ausgeführte Zugführung am Vorbau, die schon erwähnte, geniale Befestigung des Gebäckträgers. Das Körbchen fanden wir aber etwas albern 😉

Rowan Light Porteur at Bespoked Bristol UKHBS

Rowan Light Porteur at Bespoked Bristol UKHBS

Rowan Light Porteur at Bespoked Bristol UKHBS

Rowan Light Porteur at Bespoked Bristol UKHBS

Rowan Light Porteur at Bespoked Bristol UKHBS

Rowan Light Porteur at Bespoked Bristol UKHBS

Crosser mit Frontrack- und / oder Lowrider-Ösen. Das Erstlingswerk aus dem Rahmenbaukurs:

Rowan Cross Commuter at Bespoked Bristol UKHBS

Rowan Cross Commuter at Bespoked Bristol UKHBS

Rowan Cross Commuter at Bespoked Bristol UKHBS

Rowan Cross Commuter at Bespoked Bristol UKHBS

Rowan Cross Commuter at Bespoked Bristol UKHBS

Genau das hatte ich mir von der Bespoked erwartet. Leider wurden diese Erwartungen von vielen der Stammbelegschaft nicht wirklich erfüllt. Letztendlich waren es somit einzelne Perlen, die für mich den Reiz der Show ausmachten.

Allle Bilder (und noch ein bis zwei mehr) auf meinem Flickr-Account: Bespoked Bristol by skywalker on Flickr

Bespoked Bristol [Teil 5] Very Special “Rowan”

Bespoked Bristol [Teil 4]: Favoriten

In diesem Beitrag soll es um Räder gehen, die mich auf die eine oder andere Art begeistert haben. Von einigen Herrstellern habe ich genau das erwartet, andere waren mir bekannt, aber ich hatte sie trotzdem nicht auf dem Schirm. Und von dem einen oder anderen hatte ich noch nie gehört.

Zugegeben: Die Lackierung ist und bleibt gewöhnungsbedürftig. Aber sie ist mutig und in sich stimmig – und sie passt irgendwie zu dem schrägen Konzept. Sturdy Cycles zeigte einen Vertreter einer recht neuen, aber gar nicht so sinnlosen Gattung Fahrrrad: Zeitfahrrad aus Stahl mit überflüssiger (aber witziger), integrierter Beleuchtung.

Sturdy Cycles: Low Profile at its best

Surdy Cycles Timetrail Steel Bike Bespoked Bristol UKHBS

Sturdy Cycles Timetrail Steel Bike Bespoked Bristol UKHBS

Sturdy Cycles Timetrail Steel Bike Bespoked Bristol UKHBS

Zwischen Condor und einigen Händlerständen wartete eine meiner Lieblingsmarken (otisch) auf uns: Schöne Design-Projekte: Field Cycles

Einer meiner Lieblinge lehnte hinter/neben dam Stand an der Wand:

Field Cycles Track Bike Bespoked Bristol UKHBS

Field Cycles Track Bike Bespoked Bristol UKHBS

Field Cycles Track Bike Bespoked Bristol UKHBS

Field Cycles Track Bike Bespoked Bristol UKHBS

Zugegeben: In Realitas leidet der Eindruck durch den eher matten Lack und die etwas stumpfen Farben. Trotzdem kommt das Rad clear und puristisch daher, trotz der ausgefallenen Farben. Eindeutig, soetwas würde ich mir auch noch in den Keller stellen

Die Farben waren beim Brüderchen besser, aber die lackierte Vorbau-Lenker-Kombi war mir etwas too much…

Field Cycles at Bespoked Bristol UKHBS

…dafür mit Lötproblemen im Detail. Ja, der Übergang ist schwierig. Perfekt ist, wenn man das nicht sieht.

Field Cycles at Bespoked Bristol UKHBS

Field Cycles at Bespoked Bristol UKHBS

Ein weiteres Kapitel der Geschichte Steuerrohre: Saffron
Eigentlich die perfekten Messeräder: Perfekte Verarbeitung, perfekte Lackierung, alles passend aufgebaut. Aber am Ende waren es die bekannten Rahmen und ein sehr steriler Auftritt.

Im Vergleich sieht man gut, was ein passendes Steuerrohr ausmachen kann: Blau in dick

Saffron Road Bike at Bespoked Bristol UKHBS

Saffron Road Bike at Bespoked Bristol UKHBS

Saffron Road Bike at Bespoked Bristol UKHBS

Saffron Road Bike at Bespoked Bristol UKHBS

Weiss in schlank

Saffron white Road Bike at Bespoked Bristol UKHBS

Saffron white Road Bike at Bespoked Bristol UKHBS

Saffron white Road Bike at Bespoked Bristol UKHBS

Saffron white Road Bike at Bespoked Bristol UKHBS

Aber ich würde den beiden Saffrons nicht gerecht, wenn ich sie nur auf den vergleich der Steuerrohre reduziere. Das vlaue Rad mit dem zarten Metallic-Lack und den polierten Applikationen war ein wirkliches Schmuckstück: Aufwendig hergestellt und absolut bis ins Detail perfekt verarbeitet.

Das weisse war eine echte Schönheit, die mehrfarbig lackierten Flächen an den gabelinnenseiten und am Sitzrohr passen perfekt zu dem Rad. Letztendlich gibt es an diesem Rad selbst absolut nichts zu kritiseiren!

…und zum Schluss noch eine Überraschung gleich neben dem Eingang: Shand aus Schottland
Rahmen produziert in Schottland, Räder ebenda montiert. Die Idee hinter dem Projekt: Ein Rahmen für alle Gelegenheiten. Dazu sind die hinteren Rahmenenden offen und können mit unterschiedlichen Ausfallenden verbunden werden. Das Tretlagergehäse nimmt PressFit-Lager oder Exzenter auf. Dadurch ist von Riemen bis Fixie, mit oder ohne Gepäckträgerösen und mit verschiedenen Scheibenbremsadaptern alles drin.

Shand at Bespoked Bristol UKHBS

Shand at Bespoked Bristol UKHBS

Shand at Bespoked Bristol UKHBS

Shand zeigt den “Großen”, wie man Gepäckträger- und Schutzblechösen optisch ansprechend integriert:

Shand at Bespoked Bristol UKHBS

Das teil- und auswechselbare Ausfallende (leider keine taugliche Aufnahme von rechts):

Shand at Bespoked Bristol UKHBS

Fazit:
Letztendlich habe ich an vielen Stellen genau das gesehen, was ich sehen wollte: Newcomer und Startups mit guten, frischen Ideen. Konzepte und Lösungen für Fahrradfahren zu jedem Anlass und zu jeder Zeit, darunter eben Shand und einige Commuter in 650b. England ist eben nicht Amerika, und das englische Wetter verlangt wohl nicht primär nach Candy, sondern nach funktionierenden Rädern.

Allle Bilder (und noch ein bis zwei mehr) auf meinem Flickr-Account:
[URL=”https://www.flickr.com/photos/skywalkers_photos/”%5Dhttps://www.flickr.com/photos/skywalkers_photos/%5B/URL%5D

Bespoked Bristol [Teil 4]: Favoriten

Bespoked Bristol [Teil3]: Alte und neue Lieblinge

Chris King war mit vielen bunten Steuersätzen und Naben angereist – und mit den Rädern seiner Marke “Cielo”. Die drehenden Teile sind qualitativ über jeden Zweifel erhaben und sehen in vielen Farben schick aus. Faszinierend zu sehen, welche herausragende Stellung sich CK in der Branche erarbeitet hat!

Chris King Naben

Chris King Steuersätze UKHBS

Leider (in meinen Augen) haben sich seine Räder vom non-nonsense bzw. understatement wegentwickelt zu etwas, das irgendwie sehr nah am Mainstream liegt:

Cielo Sportiv Bespoked Bristol UKHBS

Cielo Sportiv UKHBS

Nach dieser holprigen Einleitung un eine holprige Überleitung zu meinen Lieblingen: Ich fange an mit einem sympathischen Newcomer newcomer: “Post” mit einem sympathischen Auftritt, einem sympathischen no-nonsense-bike und einem seltsamen Steuerrohr.

Post at UKHBS Bespoked Bristol

Post Cycles at UKHBS Bespoked Bristol

Zum Lenkerband schreibe ich lieber nichts, da fehlen mir die Worte.

Noch ein newcomer (bzw. eine newcomerin): Hartley

Hartley at Bespoked Bristol UKHBS

Hartley at Bespoked Bristol UKHBS

Hartley at Bespoked Bristol UKHBS

tatsächlich eines der besten “Gebrauchsräder” der Show:

Hartley utility bike at Bespoked Bristol UKHBS

mit ganz kleinen Nachlässigkeiten:

Hartley Utility Cycle at Bespoked Bristol UKHBS

Bespoked Bristol [Teil3]: Alte und neue Lieblinge

Rahmenbaukurs bei Dietmar Hertel 2008

Erlebnis Stahlrahmen – Selbstbau

Wie alles begann:

Irgendwann – es muss wohl etwa 2003 gewesen sein – fing ich an (angeregt durch Threads im Tour-Forum und in einem MTB-Forum), mich für das Thema Stahlrahmen-Selbstbau zu interessieren. Irgendwann hatte ich dann schon einige Information zusammengetragen, vor allem dazu, wie man einen mehr oder weniger vernünftigen Rahmen zu Hause in der Küche zusammenbrutzelt. Auch einige Information zu den Kursen bei Hertel (Berufsfachschule Frankfurt) hatte ich schon gefunden. Da träumte ich also so vor mich hin, wie wir Rad-Enthusiasten das eben gerne tun.

Bis mir meine Freundin (definitiv die beste von allen) im Sommer 2008 zum Geburtstag einen Rahmenbaukurs bei Dietmar Hertel schenkte. Sie hatte heimlich recherchiert und sich durch die wenig übersichtliche Anmeldung gewühlt. Termin war im November 2008 mit insgesamt 6 Tagen (2x Theorie, 4x Praxis).

Da saßen wir dann also (ich glaube) 12 Verwirrte und lauschten den Worten des Meisters.

Bild1_anderTafel

Die Praxis sollte zwei Wochen später in zwei kleineren Gruppen folgen…

Das Löten: Eigentlich müßte dieser Beitrag “das Feilen” heißen, denn gelötet ist so ein Rahmen eigentlich schnell. Zumindest stellt das reine Löten den deutlich kleineren Teil der Arbeit dar.

Ich habe die Gelegenheit wahrgenommen, vor dem Kurs bei einem Arbeitskollegen ein bißchen Hartlöten zu üben. Ich hatte da die Chance, einerseits ein bißchen Theorie zu lernen, zum anderen einfach mal Bleche aneinander und Rohre in Muffen zu löten. Ich habe mir außerdem beim Theorie-Block von Dietmar Hertel ein paar alte Muffen und Rohrstücke mitgeben lassen und habe die zur Übung mal aneinandergebrutzelt.

In der Pause zwischen den beiden Blöcken erstellte außerdem jeder Teilnehmer eine 1:1-Zeichnung seines Rahmens.

Eckdaten meines Rahmens:
RH 55
OR 54
Rohrdurchmesser wie EL Oversize (UR 31,4mm, SR und OR 28,6mm)

 

Und los geht’s: Nach viel Feilarbeit passen die Rohre einigermaßen zueinander:

Bild2_Gehrungen_auf_Zeichnung

Moderne Sattelmuffen haben in der Regel Muffenstutzen für die Sitzstreben, das erleichtert die Arbeit erheblich, schränkt aber die Gestaltungsmöglichkeiten ein. Ich nahm die Gelegenheit wahr, sowohl die Gestaltungsmöglichkeiten auszuschöpfen, als auch den Arbeitsaufwand zu maximieren:

Bild3_Sitzstreben

(ach so ja: Natürlich wurden auch die Bünde der Flaschenhaltergewinde flachgefeilt. Wußtet Ihr eigentlich, daß die Schnittfläche einer so verschlossenen Sitzstrebe keine ebene Fläche ist – ich habe es in einigen Stunden Feilen dann auch herausgefunden)

Die Rahmen wurden dann in Aufspannvorrichtungen bzw. der Hertel’schen Eigenbau-Rahmenlehre zusammengefügt, penibel ausgerichtet und geheftet, bevor wir sie an den Lötständern durchlöten durften.

KOF war eindeutiger Bestandteil meines Rahmenkonzepts, und so gehörten Verstärkungsbleche (technisch durchaus sinnvoll bei dünnen Wandstärken) und ein angelöteter Halter für den Umwerfer (technisch weniger sinnvoll, aber eben schöner) definitiv an meinen Rahmen:

Bild4_FlaHaGewinde_Schmodder

Hier ist auch schön der Schmodder vom Löten zu sehen. Zum Glück läßt sich ein großer Teil davon recht einfach mit Wasser abwaschen…

Auch der Hinterbau sah nach dem löten zwar hübsch, aber eher versifft aus:

Bild5_Hinterbau_Schmodder

 

Die kreative Pause: Beim Theorie-Unterricht hatte uns D. Hertel einen Minimal-Wert für die Kettenstrebenlänge gegeben. Diesen hatte ich ohne weitere Überprüfung für meine Zeichnung übernommen. Während des praktischen Kursteils stellte sich dann heraus, daß dabei über 10mm (15-20) Freiraum zwischen Hinterrad (23mm-Reifen) und Sitzstrebe bleiben. Das war mir eindeutig zu viel, ich wollte einen möglichst kurzen Hinterbau, ein 23er-Reifen sollte gerade so kontaktfrei durchpassen. Also wurde die Geometrie in der Lehre spontan mit Hilfe eines Lineals gekürzt – mit bösen Folgen.

Ich lötete den Rahmen fertig, machte ihn sauber und schaffte es auch, alles so weit fertigzustellen, daß ich den Rahmen theoretisch nur noch fürs Lackieren abschleifen und putzen mußte. Auf dem Nachhauseweg kamen mir dann erste Zweifel – und ich hatte viel Zeit im Auto auf dem Weg von Frankfurt nach Innsbruck. Und so hielt ich schließlich an einem Autobahnparkplatz an, und baute das Hinterrad meines Dancelli (21mm Tufo-Schlauchreifen) in den Eigenbau-Rahmen. Es paßte zwar rein, aber drehen ließ es sich nicht mehr.

Ich mußte also die Ausfallenden nach hinten auffeilen, und – was deutlich schlimmer war, weil mir keine Werkstatt mit Lötgerät zur Verfügung steht) vorne wieder passende Einsätze einlöten. Die Feilerei an dieser Stelle war echt ein hartes Stück Arbeit. Das schwerste war aber, die Einsätze, die ich brauchte, passend zu feilen, damit ich sie einsetzen konnte. Angefangen habe ich damit schon Ende 2008, aber irgendwann verließ mich der letzte Rest Motivation, und der Rahmen stand monatelang unberührt im Keller.

Zwischendurch wurde er einmal hervorgeholt und für die Präsentation der Laufräder (Campa OmegaV auf Chorus 10-fach-Naben) mißbraucht. Dabei tauchten sogar im Tourforum Bilder des Rahmens auf, blieben aber weitgehend unbemerkt (Banausen!). Auf den Bild sieht man auch recht gut den Abstand zwischen 23er Conti Grand Prix und Sitzrohr:

Bild6_Reifenfreiheit

In der Woche vor Weihnachten wurden die Einsätze gefeilt, am 28. Dezember schlich ich mich in eine Werkstatt und lötete die Teile ein. Lötzinn und Flußmittel hatte ich schon vor vielen Monaten besorgt und seither im Auto spazierengefahren. Am 29. Dezember wurden die Ausfallenden passend befeilt, um eine handelsübliche Hinterradachse aufzunehmen.

Bild7_Ausfallenden

Schei§-Job!

 

Das Putzen! Bisher betrug der Anteil des Feilens am Gesamtaufwand geschätzte 80% (Gehrungen feilen, Flaschenhaltergewinde befeilen, Sitzstrebenabschluß feilen und schmirgeln, Ausfallenden und Einsätze feilen). Viel zu wenig! Deswegen wurden die Weihnachtsferien genutzt, um den Anteil auf 90% hochzuschrauben:

Jetzt sind endlich die Lötstellen am Sitzstreben-Anschluß auch von hinten perfekt glatt und frei von Kanten und Kuhlen:

Bild8_Sitzstrebenanschluss_geputzt

Mein Lieblingsbild: Das Einlöten des Bremsstegs (hohlgegossen, von Gipiemme) und das Verrunden der Lötstellen hat gut funktioniert.

Bild9_Bremssteg_geputzt

Ich bin zufrieden Flaschenhaltergewinde mit Verstärkungsblechen:

Bild10_FlaHaGewinde_geputzt

Und noch mal die Sattelmuffe mit dem Sitzstrebenabschluß:

Bild11_Sitzstrebenabschluss_geputzt

Damit war der Rahmen fertig befeilt, beschmirgelt und geputzt und bereit für den Lackierer.

 

Bilder vom kompletten, unlackierten Rahmen:

Bild12_Rahmen_komplett_WoZi

Leider wurden die Bilder, die ich draußen vom Rahmen gemacht habe, beim besten Willen nicht scharf. Die digitale Kompaktkamera verarxt mich hier jedes Mal…

Bild13_Rahmen_Komplett_dr

 

Löten lernen

Ich verlasse jetzt mal kurz die Chronologie, um ein paar Bilder vom Kurs selbst einzufügen.

Dietmar Hertel bei der Vorführung, wie das mit dem Löten eigentlich gehen sollte…

Bild14_HertelbeimLöten

…und die Flamme im Detail: Wenn das Flussmittel glasig wird und schwarze Punkte bekommt, ist eine vernünftige Verarbeitungstemperatur erreicht, und es wird Zeit, Lot zuzuführen.

Bild15_Hertel_Lötflamme

Hier ist der Rahmen komplett zusammengesteckt in der Hertel’schen Lehre. Die Kettenstreben wurden mit einem Magnethalter ausgerichtet, Bremssteg und die Verstärkung zwischen den Kettenstreben lassen sich so einklemmen, daß sie für’s Löten alleine halten.

Bild16_RohreinderLehre

Ich in perfekter Arbeitskleidung beim Durchlöten im Schraubstock:

CIMG0894

Steuerrohr nach dem Löten:

CIMG0907

 

Kursende:

Die fleißigen Teilnehmer putzen die Werkstatt, während einer die fertigen Rahmen fotografiert. Wir waren insgesamt zu sechst im praktischen Teil des Kurses. Davon baute einer eine Art Sitzrad, ähnlich dem Cruiser von Giant. Ein weiterer Rahmen fehlt auf dem Bild aus unerfindlichen Gründen…

CIMG0915

Damit war der eigentliche Kurs zwar beendet, der Rahmen und vor allem das rad aber noch lange nicht fertig…

 

Gabel:

Gestern konnte ich also meine Gabel abholen. Das heißt auch, daß ich doch noch einen Rahmenbauer gefunden habe, der willens war, eine Gabel wirklich nach meinen Vorgaben zu löten.

Bei_Iten_TF-Groesse

Dazu kam, daß ich auf der EHBE glücklich dem Herrn Köhn von Reset Racing in die Arme gelaufen war. Der war gerade dabei, seinen Katalog mit Resten zu aktualisieren, und hat mir die unfertige Version in die Hand gedrückt. Ich habe dann extrem unkompliziert bei ihm die Gabelbrücke und die Ausfallenden bestellt. Auf dem Weg von der alten Heimat in die neue konnte ich die Teile dann abliefern. Und jetzt ist eine Gabel mit leichten Scheiden daraus geworden.

Während die Gabel entstand, habe ich die Grafiken für die Lackierung noch mal überarbeitet und auf Letztstand gebracht.

Nachtrag Rahmengeometrie:
Rahmenhöhe (Mitte-Mitte) = 55cm
Oberrohrlänge = 54cm
Sitzrohrwinkel = 73°
Steuerrohrwinkel = 73,5°
Hinterbaulänge = 393mm
Radstand (berechnet / nach Korrektur) = 960 / 948
Gabelvorbiegung = 44mm
Tretlagerhöhe = 265mm

 


Lackierung:

Mitte September 2009, fast ein Jahr nach dem Kurs, hatte ich also alles zusammen, auch probeweise mal montiert und für die eigene Vorstellung mal mit ausgedruckten Decals beklebt:

2010_09_10_Portrait

Irgendwann um den 15. September ging das ganze dann auf die Reise zum Lackierer – immer noch in der Hoffnung, daß ich noch in der Oktobersonne meine ersten Runden mit dem fertigen Rad drehen könnte. Die Gabel hatte noch einen letzten Feinschliff bekommen, und ich hatte eine kleine Präsentation mit den Massangaben für die Platzierung der Banderolen und Schriftzüge beigelegt. Die Präsentation enthielt ein weiteres meiner “Visualisierung-Bilder” und eine lange Beschreibung dessen, was ich gerne wollte. Prognose für die Lackierung: Ca. 2 Wochen…

IMG_5750

Der Rahmen kam nach knapp einer Woche in Deutschland an, in der ersten Oktoberwoche dann mal eine Anfrage beim Lackierer (ich wollte ja den Kollegen in der Werkstatt für das Abdrehen der Gabel einplanen) – “die erste Lackierung hat nicht geklappt, alles muss noch mal runter”.

Der nächste Versuch dann wieder zwei Wochen später. Am 21. Oktober (Donnerstag) habe ich mit der zuständigen Mitarbeiterin telefoniert, am 22. wurde der Rahmen verschickt und am 23.Oktober bin ich nach Stuttgart gefahren, um ihn dort entgegenzunehmen:

CIMG6425

CIMG6422

Heute weiß niemand mehr, wie das passieren konnte. Beim ersten Wurf war der Rahmen (laut Auskunft des Lackierers) noch komplett rot lackiert. Dann war der Chef zwei Wochen lang nicht da, und die Mitarbeiter hatten es wohl eilig. Das Farbschema kann man mögen oder nicht, die Ausführung war inakzeptabel, mal abgesehen davon, daß von Pulver ausdrücklich nie die Rede war. Zum Glück waren wir uns darin einig. Ich war also umsonst nach Stuttgart gefahren, hatte umsonst die beste Werkstatt am Ort verrückt gemacht, damit sie mir am Samstag noch mit meiner Gabel helfen – und die Laune war doch empfindlich negativ beeinflusst. Der Rahmen ging also am darauffolgenden Montag zur dritten Runde Farbauftrag.

Am 04. Dezember war der Rahmen dann wieder bei mir. Es gibt immer noch ein paar kleine Details, die nicht meiner Vorlage entsprechen (Linien auf den Decals), aber insgesamt ist das Ergebnis hervorragend. Der Lackauftrag ist sehr dünn, die Farbe hochglänzend, und der Dreischicht-Effekt der Alfa Romeo-Lackierung kommt perfekt rüber. Auch wenn mich die Aktion wieder einmal ordentlich Nerven gekostet hat: Die Firma, die den Rahmen lackiert hat, hat auf die Panne vorbildlich reagiert. Es gab keine Diskussionen, kein Gejammer, sondern ein einfaches “Mist, wir bringen das in Ordnung” incl. einer Nachfrage, ob mit der letzten Runde alles in Ordnung ist.

Leider gibt’s keine Bilder vom „nackten“ Rahmen, ich konnte erst nach der Montage wieder ans Fotografieren denken:

Komplettrad

Bilder vom fertigen Rad habe ich inzwischen auch gemacht, ein paar davon stehen am Ende des Berichts. Das Gefühl, mein eigenes Rad im Wohnzimmer stehen zu haben, ist immer noch unglaublich. Obwohl – oder vielleicht auch gerade weil – unterwegs wohl fast alles schief ging, was schief gehen kann.

 

Ein schöner Schluss ziert alles: Seit ich das Rad fertig habe, ist es mein absoluter Lieblings-Untersatz geworden. Ich sitze genau so drauf, wie ich mir das vorgestellt habe. Auch die Fahreigenschaften sind so, wie sie bei der Auslegung geplant waren: Sehr agil, sehr direkt, ein wenig nervös, aber problemlos und stabil freihändig zu fahren. Die Operation ist also geglückt, und ich freue mich auf (hoffentlich) noch viele sonnige Kilometer mit dem Rad.

Graffitti

im Park:

Studio_1

Studio_SR

Tretlager

Studio_Graffitti

 

Späer ist dann noch ein etwas höherer, hochglämzemder Laufradsatz dazugekommen:

Major4

Major2

Major5

 

Fragen und Antworten:

Frage: Was mich noch interessieren würde: Bist du irgendwie mit beruflicher Vorbelastung / Ahnung in Hinblick auf Materialbearbeitung oder Konstruktion in die Sache reingegangen? (dass du das Löten geübt hast, habe ich nicht überlesen, aber trotzdem) Oder könnte man da auch als, hmmm, ich sag mal: handwerklich eher unerfahrener aber durchaus begabter Laie erfolgreich mitmachen, ohne dass die Gefahr besteht, dass Meister Hertel ob der Unfähigkeit seiner Schützlinge (also in dem Fall mir ) die Krise bekommt?

So ein Kurs wäre nämlich auch für mich mehr als spannend…

Antwort: es gibt außer “technisch begabt” offiziell keine Voraussetzungen. Mir hat geholfen, daß ich vorher wußte, wie man eine Zeichnung erstellt, und natürlich war die Löterei hilfreich. Der Kurs ist aber ausdrücklich für Menschen ohne diese Erfahrung ausgelegt.

Kurz: Je besser Du feilen kannst, desto mehr Zeit hast Du für den Rest

Fragen:

  • Was kostet denn so ein Kurs?
  • Was kostet das Material, wenn man es sich günstig bestellt (Sammelbestellung)?
  • • Welches Material bekomme ich da?
  • • Kann ich mir Muffen etc. raussuchen?
  • • Wie lange geht der Kurs?
  • • Wie gut ist so ein Rahmen den ich mir selber brutzel?
  • • Kann ich mir auch ne passende Gabel bauen oder ist das ein anderer Kurs?

 

Antworten (Achtung! Kosten und Ablauf nicht mehr aktuell):

  • Kurs kostete damals 440,- (Kursgebühr). Wohnen kann man günstig (12,- oder 16,- Euronen) im Wohnheim
  • Materialkosten: Materialkosten für Standardmaterial (alle Rohre Dm 31,4,x 0,8 – 0,5 – 0,8 / Long Shen Muffen mit langen Spitzen / hochwertige Hinterbaurohre) wohl um die 400,- Beim Standardmaterial hat in unserem Kurs niemand Extrawünsche geäußert. Was passiert, wenn Du eine Bestellung mit Extrawünschen über den Kurs laufen läßt, kannst Du im Bericht lesen – ich rate grundsätzlich davon ab.
  • Selber bestellen: Nova-Cycles ist ziemlich gut sortiert. Rohrsatz kostet ab ca. 100 (Nova Eigenmarke) bis ca. 250,- (Spirit OS). Dazu kommen dann noch mal Muffen und Anlötteile für ca. 100,-. So weit Standardpreise bei Nova. Was bei Reset Racing z.B. geht, müßte man mal fragen…
  • Kursdauer ist im Bericht erwähnt
  • Der Rahmen ist mit Silberlot vorsichtig gelötet. Ich behaupte mal, ich persönlich kann damit eine Erhitzung des Materials über eine Versprödungsgrenze ausschließen. Der größte Unterschied zu einem Rahmen, den z.B. Hertel baut, liegt in der Zeit, die ich brauche, und im Bedarf an Nacharbeit. Ein Kenner sieht evtl. auch Unterschiede bei unbearbeiteten Lotverläufen…
  • Hertel bietet keinen Kurs zum Gabelbau an – ist ihm rechtlich wohl zu kritisch.

 

Fragen:

  • Sind die oberen Enden der Sattelstreben schräg abgesägt und so befeilt dass ein Stück Rohr den “Deckel” bildet? Gibt es da nicht Endstücke die auf stumpf abgesägte Rohre gesteck und gelötet werden?
  •  Wo und wozu hast du die Flaschenhaltergewinde befeilt?
  •  Werden die Rohre in der Spannvorrichtung nur zusammengesetzt und ausgerichtet? Werden die dort auch schon gelötet und dann im Schraubstock vollends fertig gelötet?

Antworten:

Für den Sitzstrebenabschluss wurden die Sitzstreben schräg abgesägt. Aus dem abgeschnittenen Stück Rohr wurde mittels Zersägen und etwas Plattklopfen ein gewölbtes Metallteil gebastelt. Die Kontaktfläche wurde dann (an der Sitzstrebe) passend befeilt und mit dem (noch überstehenden) Teil verschlossen. Dann wurden die überstehenden Ränder entfernt und glattgefeilt.

Es gibt auch fertige Rohrenden zu kaufen. Diese sind aber etwas schwerer und sind eben etwas schwerer.

Die Butzen der Flaschenhalter-Gewinde wurden in erster Linie aus optischen Gründen befeilt. Der Bund ich nur aus gusstechnischen Gründen so dick, kann also etwas nachgearbeitet werden…

Der Rahmen wird in der Lehre zusammengesteckt und geheftet (mit wenig Lot fixiert), damit Sie exakt in Form bleiben. Anschliessend werden Sie durchgelötet.
 

Rahmenbaukurs bei Dietmar Hertel 2008

Bespoked Bristol: [Teil 2]: interessante und schöne Räder von Takhion, Malcom & Jaegher

Tsubasa & Takhion:
Ausreichend verrückt und toll, dass Takhion noch existiert
Der Stand von Tsubasi und Takhion war genau das, was ich (auch) von einer Messe für handgefertigte, individuelle Fahrräder erwarte: Die Räder am Stand sind wohl eher Machbarkeitsstudien als richtige Räder – aber es sind sehr interessante Ideen dabei – und die Zusammenarbeit mit Takhion, bei der auch seine Idee des an der Gabel befestigten Lenkers wieder aufgegriffen wird, gibt dem ganzen etwas Substanz.
Eines der Ausstellungsräder wurde während der Ausstellung zugunsten von Waisen in der Ukraine versteigert.
Takhion selbst konnte aber – wohl wegen Problemen mit dem Visum – nicht persönlich in Bristol sein. Ich würde mir wünscheen, dass sowohl das Konzept der alten takhions als auch die Marke einen Neuanfang schaffen!

So sahen die Räder von Takhion früher aus:
Takhion Superb
[Bild nicht von mir aufgenommen]

Und das macht der zurückhaltende junge Mann heute draus:

Tsubasi @ Bespoked Bristol

Takhion Tsubasi @ Bespoked Bristol

Tsubasi @ Bespoked Bristol

Faszinierend, wie wenig es für einen Sattel braucht 😉

Tsubasi @ Bespoked Brristol

Tsubasi @ Bespoked Bristol

Malcom: Klassische Schönheiten vom rauschebärtigen Rahmenbauer
Malcom hattte für mich ein paar der schönsten Räder der Messe dabei. Dabei sind seine Arbeiten so schlicht und “unauffällig”, dass ich teilweise erst nach der Messe realisierte, wie hübsch die Teile waren.

Malcom Bespoked Bristol

Malcom Bespoked Bristol

Die Auf der Messe gezeigten Räder waren sehr klassisch, dabei aber nicht altmodisch. Viele Detaiils wirken durchdacht und wie von einem erfahreren Handwerker.

Dazu gab es ein sehr schönes Steuerkopf-Emblem
Malcom Track Bike @ bespoked Bristol

Malcom Track Bike @ bespoked Bristol

Malcom Track Bike @ bespoked Bristol

Curtis war eine der wenigen englischen Marken, die wohl einem breiteren Publikum bekannt sind. Man kann über den am Messestand gzeigten “Raw look” sicher geteilter meinung sein – aber Curtis demonstrierte mit seinen Ausstellungsstücken fillet brazing in Perfektion.

Ich beschränke mich bei den Bildern vom Curtis-Stand daher auch auf ein paar Details der Auftragslötungen

Curtis fillet brazed @ Bespoked Bristol

Curtis fillet brazed @ Bespoked Bristol

Ein erwartetes Highlight: Jaegher
Jaegher war einer der Gründe, mich auf die Bespoked zu freuen. Ich hatte in der Vergangenheit einige wirklich schöne Rahmen mit absolut herasragender Lackierung bei facebook gesehen und war gespannnt, wie sie in Realität wirken würden. Ich wurde nicht enttäuscht: Jaegher zeigte einige einfach schöne Rahmen – leider mit sehr sehr hässlichen Super Record-Kurbeln

Trotzdem war der Interceptor eines der schönsten Räder auf der Messe.
Jaegher Interceptor @ Bespoked Bristol

Jaegher Interceptor @ Bespoked Bristol

Jaegher Interceptor @ Bespoked Bristol

Jaegher hat vor einiger Zeit einen meiner absoluten Favoriten vorgestellt: Einen Interceptor in schwarz-rot:

Jaegher Interceptor
[Bildquelle: Jeagher Facebook-Seite]

Das Messe-Phantom war im selbem Farbschema lackiert, allerdings in schwarz – gelb. Und obwohl es ein schönes, sehr sehr gut gemachter Rahmen ist, kommt er an den schwarz-roten nicht haren…
Jaegher Phantom @ Bespoked Bristol

Jaegher Phantom @ Bespoked Bristol

Jaegher Phantom @ Bespoked Bristol

Eine versteckte Perle der Messe mit einem unauffälligen Stand zwischen den Gängen und zwei Rädern auf engem Raum war Blacksmith: ein Rahmenbauer aus den Niederlanden mit zwei sehr schönen Ausstellungsrädern.

Vor allem bieten seine beiden schönen Stahlräder und eine gute Vergleichsmöglichkeit:

Hellblau mit Steuerrohr 😉

Blacksmith 1 1/8 @ bespoked Bristol

Weiss mit schön

Blacksmith 1 1/8 @ bespoked Bristol

Blacksmith 1 1/8 @ bespoked Bristol

Blacksmith 1 1/8 @ bespoked Bristol

Als ich die beiden Blacksmiths endlich photografieren konnte, war die Ausstellung eigentlich schon geschlossen. Trotzdem hat “Herr Blacksmith” für mich das Aufräumen unterbrochen und mit großem Stolz sein weisses Rädchen präsentiert. Sehr schöne Situation…

Messehighlight: Shed “Mum’s bike”
Gebaut für die Mutter des Rahmenbauers, damit sie endlich ein gutes Rad für ausgedehnte Touren hat.

Messehighlight Skurrilitäten: Tandem mit Gebäckträger aus Titan von Wheeldan aus Berlin:
Leider habe ich erst bei der anschliessenden Internet-Recherche kapiert, dass Mawis nicht der einzige deutsche Titan-Rahmenbauer auf der Messe war: Genau gegenüüber stellte Wheeldan ein absolut verrücktes Titan-Tandem aus. Das Ding war so riesig, dass ich erst an einen (zugegebenermassen sehr aufwändigen) Messegag dachte.

Wheeldan Titan Tandem @ Bespoked Bristol

Gebäckträger scharf aber leider unscharf
Wheeldan Titan Tandem @ Bespoked Bristol

Wheeldan Titan Tandem @ Bespoked Bristol

Bespoked Bristol: [Teil 2]: interessante und schöne Räder von Takhion, Malcom & Jaegher

Bespoked Bristol: Feine Messe und kleines Städtereisen-Abenteuer [Teil 1]

Bespoked Bistol the UKHBS – back again in Bristol

Nachdem die “bespoked”, die britische Messe für handgefertigte Fahrräder (und damit sind nicht handmontierte gemeint) im letzten Jahr einen Ausflug nach London unternommen hatte, kehrte sie dieses Jahr zurück in die Heimat. Nach Bristol. Nun ruft Bristol bei den meisten meiner Kollegen eher Ratlosigkeit hervor: “Das ist irgendwo in England, oder?” Folgerichtig machte ich mich auf, es zu entdecken, und das kam so:

Am 24.12.2014 kam, was kommem musste – Weihnachten. Meine Partnerin ist ohne Frage die beste Schenkerin, die es gibt, und so traf Ihr Weihnachtsgeschenk für mich wieder einmal genau ins Schwarze. Da es die EHBE in Schwäbisch Gmünd nicht mehr gibt und sich die Freiburg Collective leider als einmaliges Event herausstellte, fehlte mir eine Messe für Fahrräder auf Basis individeller, handgefertigter Rahmen. Und so war ein verlängertes Wochenende in Bristol mit Besuch der UKHBS “Bespoked” ein sensationelles Geschenk. Wir wollten die Gelegenheit zu einer kurzen Flucht aus dem Alltag und einer spontanen Entdeckungstour durch die unbekannte Stadt nutzen.

Ich war natürlich gespannt darauf, was mich erwarten würde.
Ich mag klassische Rennräder, Retro-Bikes und Remakes in aller Regel dafür nichts so sehr.
Besonders spannend finde ich moderne Rennräder, die klassische Anmutung mit modernerer Technik verbinden. Dazu gibt es in den letzten Jahren viele Bespiele und Ideen. Doch dazu später mehr anhand konkreter Beispiele.
Ausserdem träume ich – wie wohl viele Radfahrer – von der grossen Wiedergeburt des Fahrrades als Alltags-Verkehrs- und Transportmittel. Deswegen war für mich die Constructors Challenge der diesjährigen Bespoked ein echtes highlight.

Die Bespoke würde ich als die wichtigste Messe in Europa zum Thema “handgefertigte Räder und Rahmen” bezeichnen. natürlich geht es hier immer vorwiegend um Stahl, aber auch für Carbon und Holz findet sich Platz. Aluminium scheint unter den britischen Individualisten vollständig ausgestorben zu sein.
Die ganz großen Highlights fehlten für mich dieses Jahr, aber es gab sehr viele gute Ideen und interessante Lösungen.

Klare Trends:

  • “normale” 1 1/8″ Steuerrohre sehen an Stahlrahmen wesentlich besser aus als alles mit größerem Durchmesser.
  • Wenn ein newcomer das beste Rad der Messe baut, waren die etablierten nicht gerade kreativ.
  • Carbon bietet tolle Gestaltungsmöglichkeiten – die nutzt aber niemand
  • Holz ist alternativ, aber für mich kein Rahmenmaterial
  • Shimano Ultegra war die wohl häufigste Gruppe nach der Campa SR

Hier also mal ein paar Bilder (ich habe mir überlegt, einfach nur meine Highlights vorzustellen – und vielleicht die eine oder andere Enttäuschung):

1.) constructors challenge
Die beiden Preisträger waren die mit Abstand interessantesten Konzepte. Das Kaffee-Rad wegen seiner Perfektion und Komplexität, die Brotkiste, weil soetwas (für mich) einfach auf der Hand liegt. Gut, wenn’s endlich jemand baut 😉

Velopresso

Velopresso

Im ersten Moment erscheint die Idee absurd, das Konzept viel zu aufwendig. Aber dann stellen wir fest, dass uns eigentlich genau so etwas fehlt: Eine mobile Kaffee-Station, umweltfreundlich, sympathisch und mit leckeren Kaffee-Variationen.
Die Jungs sind so nerdig, dass es keine Karikatur mehr braucht. Aber der Kaffee war wirklich gut.

Rodford Bread Bike

Das Bread Bike ist eine Auftragsarbeit für eine lokale Bäckerei. Es ersetzt dort ein schon vorhandenes Lastenrad.
Dabei schafft das Konzept nicht nur die hübsche Integration des Lichts, sondern auch den Einbau eines elektrischen Hilfsantriebs. Das ist es, was ich suche: Naheliegende Lösungen mit hoher Praxistauglichkeit.

Weitere “utility bikes”: Sword

Sword Porteur

Hallett – Sehr geiler Commuter:
Bei Hallett gab es einen schönen Commuter in unauffällig-gründer Lackierung zu sehen. Stilecht vom Rahmenbauer mit Bart.
Dabei zeigt sich ein weiterer Trend: 650B für Commuter, das ist irgendwie folgerichtig, daher kommt es ja.
Und die vier auf der Ausstellung gezeigten Exemplare machen wirklich Spass durch ihre Vielseitigkeit und ein robustes Understatement.

Hallett 650B Commuter

Hallett 650B Commuter

Toad Commuter:
Eines der schönsten Räder der Messe. Etwas barock vielleicht mit dem Chrom, aber in sich absolut stimmig.
Wahrscheinlich trofft hier die Bezeichnung “Radonneuse” am besten. Leider habe ich von diesem Rad nur ein taugliches Bild…
Toad Commuter

Mather light porteur:

Die Bikes von Mather standen eher versteckt und unauffällig im dezenten Farbkleid zwischen zwei Gängen. Bei genaueerem Hinsehen liegt genau in der passenden Lackierung zum Konzept der Reiz dieses Porteurs. Aus meiner Sicht ein sehr sehr schönes Rad, das sicher schönster Porteu der Messe geworden wäre – wenn das Hartley (s.u.) nicht gewesen wäre 😉
mather Porteur

Die geilste Lackierung der Messe (zu Recht prämiert):
Satoma
Dabei ging das sensationelle BiLaminate-Konzept fast ein bisschen unter

Satoma biLaminate

Satoma biLaminate

Satoma biLaminate

Satoma biLaminate

An diesem Rad passt für mich einfach alles:
Eine offensichtlich an den Fahrer angepasste Geometrie, ein absolut stimmiges Konzept im Aufbau, sehr sehr schöne Ideen bei den BiLaminates (“halbe Muffen”, die auf der einen Seite muffenlos gelötet sind und das Rohr-Gegenstück ganz oder teilweise umschlingen wie eine Muffe) eine absolut perfekte Umsetzung und eine sensationell stilvolle Lackierung. Für mich vielleicht das Messehighlight.

Ein anderer Stand war ebenfalls sehr interessant, hinterliess aber zwispältige Gefühle.
Licht und Schatten: Swallow

Licht – blauer Renner im 80er Aero-Stil mit Columbus-Air-Gabel und ovalen Hinterbaustreben

Swallow Aero

Swallow Aero

In meinen Augen ein sehr schöner Rahmen. Leider geht das Konzept ein bisschen unter durch die sehr unscheinbare Lackireung und die sehr gemässigte Geometrie. Ein Punkt, der auch für andere Räder am Swallo-Stand gilt.

Licht und Schatten: Retro-Renner in altertümlichem Farbschema mit Konterfei am Sitzrohr

Swallow Retro

Schatten: Das hässlichste Steuerrohr der Messe:
(und das auch noch, ohne dass ein voluminöses Unterrohr das fordern würde :confused:
Swallow Head Tube

Zunächst einmal ist der Steuerrohrdurchmesser natürlich Geschmacksache. Da ich aber nicht nur “Konsument”, sondern auch Techniker bin, folgt mein Auge in vielen Punkten dem berühmte-berüchtigten (und ausgelatschten) “Form follows function”. Grossvolumige Carbonrahmen mit grossem Unterrohr-Durchmesser erfordern für einen sinnvollen Anschluss ans Steuerrohr und einen vernünftigen Kraftfluss entsprechend dicke Steuerrohre. Dies führte zu entsprechend dimensionierten und – aufgrund der dünneren Oberrohre zu konischen Gabelschäften. Es gibt durchaus auch Stahl- und Alumniumraahmen mit Unterrohr-Durchmessern, die dicke Steuerrohre erfordern – ob die UR-Durchmesser notwendig und sinnvoll sind, steht dabei auf einem anderen Blatt…

Aber: Dicke Gabelschäfte und Steuerrohre sind in meinen Augen kein Selbstzweck. Carbongabeln brauchen keinen 1 1/4″ Schaft, um ausreichend fest zu sein. Im Gegenteil: Mit grösserem Querschnitt erhöht sich die Steifigkeit bei gleicher Festigkeit – und das ist bei einer Gabel nicht unebdingt das, was ich mir wünsche. Deswegen erscheint der gezeigte rahmen mit dem rieseigen tapared Steuerrohr und dem dünen Unterrohr schlicht und einfach nicht durchdacht – und eben auch nicht ästhetisch.

Licht und Schatten: Daccordi
Das Daccordi New Griffe ist ein sehr schön gemachte Klassiker:

Daccordi Griffe

Das Profidea ist deutlich moderner, aber trotzdem klassisch hübsch:

Daccordi Profidea

Die Lackierung des Scheibenbremsmodells des New Griffe ist auch für die “Normalversion” erhältlich. Ich finde sie klasse.
Aber: Bremsbohrungen in Gabel und Hinterbausteg bei einem Scheibenbremsmodell?

Daccordi New Griffe Disc

Fortsetzung folgt

Bespoked Bristol: Feine Messe und kleines Städtereisen-Abenteuer [Teil 1]

Snowboard Carving Camp in Scuol mit Nevin Galmarini

2013 las ich das erste Mal von Nevin Galmarinis Carving Camp. Während beim Rennradfahreren der Rennsport der heilige Gral ist und Rennfahrer definieren, was “Stil” ist, ist es unter Carven eher umgekehrt: “Race-Style” gilt immer noch als schnell, aber unästhetisch. Ob zu Recht oder nicht, will ich hier gar nicht tiefer erörtern, weil mein Schwerpunkt hier ein anderer sein soll. Nicht: “Was sieht gut aus?”, sondern “was fühlt sich gut an?”, “was macht Spass?”. Die eigene Wahrnehmung zählt, nicht die der anderen. Snowboarden ist für mich immer Sport im Sinne von Spiel, also gibt es kein “richtig” oder “falsch”.

Galmarinie Carving Camp Stefanie Müller

Galmarini Carving Camp Sigi Grabner

Meine Motivation: Für mich war, als ich von Nevins Carving Camp las, klar, dass ich da hin will. Auf der Suche nach der universellen Wahrheit übers Carven muss mich etwas „völlig anderes im Gleichen“ einfach weiterbringen. Ganz allgemein wollte ich die Toolbox, also die mir zur Verfügung stehenden Werkzeuge für verschiedene Bedingungen und Situationen, erweitern. Ich wollte  sehen, was wie funktioniert, vielleicht sogar verstehen, warum – und damit letztendlich ganz allgemein meine Fahrtechnik beim Carven verbessern. Der Bericht eines Mitstreiters auf www.frozen-backside.de tat sein übriges.

Wer? Wie? Was? Wann? Wo? Warum?  Betreuer beim Carving Camp 2015 waren Nevin Galmarini, Sigi Grabner, Stefanie Müller, Justin Reiter und Rene Hürlimann. Alle nicht nur wirklich kompetent auf ihrem Gebiet (sprich: Snowboard-Racer, die ganz schön schnell snowboarden können und ein Coach, der einem auf den Punkt sagen kann, was man (anders) machen soll), sondern alle auch ganz schön erfolgreich.
Das Teilnehmerfeld war bunt gemischt vom fortgeschrittenen Carver bis zu Hobby-Rennläufern – und ich halt. Alle wohl mit einer gewissen Bewunderung für das Fahrkönnen der Pros, mit ordentlich Respekt und sehr viel Neugierde. Im Zuge der Anmeldung wurden wir Teilnehmer in verschiedene Gruppen eingeteilt, je nach unserer Neigung, Stangen umzufahren. Ich hatte mich im Mittelfeld eingruppiert, obwohl ich nicht sicher war, ob ich überhaupt in den Stangenwald wollte. Es sollte sich später anders darstellen…

Nevin Galmarini Carving Camp

Während des Camps trainierte jede Gruppe jeweils 2 Stunden (in Realität waren’s 2,5) mit einem Coach, dann war Mittagspause und Wechsel zum nächsten. Am nächsten Morgen dann erneuter Wechsel zu einem weiteren “Pro”. So kam jeder in den Genuss, ein Mal mit jedem Coach zu fahren. Am Sonntag dann für die, die wollten, ein PSL ohne k.o. mit wechselnden Partnern.

Nevin Galmarini Carving Camp

Trainingsinhalte:  Alle Coaches sprachen viel von Körperspannung (Zehen, Fussgelenke, Rumpf) und verschiedenen Hilfen dazu. Ein verwandtes Thema war „Hangausgleich“ in teilweise recht extremer Ausprägung über verschiedene Hilfen. Die Position auf dem board (generell nicht rotiert, generell kein Fahren über die Nose) und „Druckaufbau auf die Kante“ auf unterschiedlichen Wegen kamen dazu.
Mein lichter Moment mit Nevin: „Auf der Backside (während des Turns) Druck auf dem hinteren Bein halten“ – und das Testboard vom Sigi geht unglaublich stabil ums Eck. Cool. Sein Hinweis war einfach und verständlich: “Du setzt die Backside schon sehr gut an, aber dann wirst Du instabil und verlierst teilweise die Kante am Tail – lass während des Turns mehr Druck auf dem hinteren Bein”. Meine Interpretation dessen, was da passierte: Durch die übliche Rotation auf der Backside verlagere ich Gewicht nach vorn, wodruch die Nose gut arbeitet und den Schwung eng macht – aber dadurch verschenke ich möglichen Kantenhalt.
Extrem bei Justin: absolut Keine Rotation in der Hüfte, nur leicht mit Schulter und Kopf. Teilweise sogar Stabilisierung der Hüfte gegen „Mitrotation“ mit dem hinteren Bein. Außerdem extreme Körperspannung zur Angulation. Interessant dabei: Während ich mir beim Extremecarven Gedanken mache, wie man durch aktives Mitnehmen des Kopfes die Schräglage (inclination) verbessern kann, macht Justin das Gegenteil. Durch Aufrichten des Kopfes mehr Angulation (wie beim Kippen/Drücken beim Motorradfahren). Dabei sieht man beim Motorradrennsport beides, nämlich das bewusste Mitnehmen in langgezogenen sehr schnellen Kurven beim GP-Sport und das Kippen bei engen Kurven.

Nevin Galmarini Carving Camp Sigi Grabner

Meine Erfahrung während des Camps  (Ich trenne nicht zwischen Freecarven und Stangenfahren.) Die Prinzipien und Techniken sind dieselben, das Ergebnis für mich (in beide Richtungen) übertragbar.
Beim Carven mit stabilisierter Haltung ist eine Rotation bzw. das Einnehmen einer rotierten Haltung nicht notwendig. Ich kann unglaublichen Spaß in unglaublichen Schräglagen (stabilisiert, balanciert, ohne stützenden Pistenkontakt) haben, wenn ich beweglich und variabel bleibe. Durch Tools, die teilweise wirklich seltsam aussehen, lassen sich Kantendruck und Kontrolle noch erhöhen. Am Ende des zweiten Tages habe ich die Radien, die ich mit dem SG Full Carve 170 ohne Bodenkontakt fahre, noch mal deutlich verkleinert.

Nevin Galmarini Carving Camp Andres

Das Stangentraining wollte ich mitnehmen, um reaktiver und variabler zu fahren. Klar, das geht auch ohne – aber ein äusserer „Zwang“ hilft deutlich beim Verlassen der Comfort Zone :D. In den Stangen ist es erst mal gar nicht so einfach, eine runde, flüssige Linie zu finden. Früher Umkanten als normal, aktiv Druck von der Kante zu nehmen, exakt dort hin zu fahren, wohin man will (oder in diesem Fall muss) – das ist etwas anderes als gemütliche Schwünge über weite Pisten zu ziehen.
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Auf der anderen Seite gibt mir der abgesperrte Streifen mit Auslaufzonen und ohne Hindernisse viel Vertrauen, und ich fahre im RS-Trainingskurs sehr viel schneller ums Eck, als ich das in freier Wildbahn tue. „Hü“ gibt mir dann den wichtigen Tip, über die Atmung meine Schwünge zu rhythmisieren und so runder und harmonischer zu werden. Den wunderbaren Effekt im nächsten Lauf mache ich mir selbst ein wenig kaputt, weil ich versuche, jetzt noch eine deutlich engere Linie zu fahren. Das sollte man denen überlassen, die das können.
Am Sonntag im Parallelslalom versägt mich im ersten Lauf Sharkey – ausgerechnet auf einem Virus. Aber dann platzt der Knoten, ich versuche, möglichst viel gecarved zu fahren und die Kante voll zu belasten. Bis zu meinem highsider im Lauf gegen Nevin funktioniert das auch ziemlich gut. Der Spaß an der Geschwindigkeit ist enorm, das nötige Vertrauen in die Kante auch. Dass die Beinmuskulatur die mögliche Querbeschleunigung begrenzt, sagt sich so leicht – aber auch hier durfte ich ein paar Grenzen (für mich) neu definieren.
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Insgesamt passte so die Verteilung der Inhalte für mich perfekt, obwohl es deutlich mehr Training in Rennkursen war, als ich mir im Vorfeld gewünscht hätte. In den letzten jahren gab es wohl kein Stangentraining bei Nevins Carving Camp, dafür mehr direkte Fahrtechnik – auch das kann ich mir sehr gut vorstellen.
Nevin Galmarini Carving Camp

Und sonst?
Die Gruppe war bunt gemischt und sicher eher nicht introvertiert. Trotzdem oder gerade deshalb hatten wir unglaublich viel Spaß auf der Piste und abends beim Zusammensitzen. Zu beobachten, wie sich die Jungs und Mädels in meiner (eher vorsichtigen) Gruppe verbesserten, war alleine schon das Eintrittsgeld wert. Dazu gab es sehr gutes Essen, einen netten Zimmergenossen und eine gar nicht so üble Saunalandschaft (SPA genannt).

Fazit: Aufgrund meines fortgeschrittenen Alters bringt mich das ganze zwar an meine körperlichen Grenzen. Aber ich habe wider Erwarten nicht nur punktuell neues gelernt, sondern wirklich die Toolbox erweitert und unglaublich viel für mein Snowboarden mitgenommen. Vorm Camp war ich nicht sicher, ob sich das dort gelernte in mein Carven integrieren lassen würde – jetzt bin ich sicher, dass ich auf einiges nicht verzichten werde.
Vielen Dank an alle, die dieses Erlebnis möglich gemacht haben!
Allen, die glauben, sie hätten das mit dem Carven schon verstanden (und dabei genug geistige Frische mitbringen, noch etwas ganz anderes auszuprobieren), kann ich das Camp nur empfehlen. Für mich hat es insbesondere deswegen funktioniert, weil ich nach einer Stunde entschieden habe, mich auf alles einzulassen, auch wenn es meinen bisherigen Überzeugungen diametral widerspricht.

Nwevin Galmarini Carving Camp Sigi Grabner

Snowboard Carving Camp in Scuol mit Nevin Galmarini